LESEPROBE aus BAND 1

 
Manche Bindungen sind vorbestimmt
 
 
Tharina
 
Wer sind wir, wenn wir nicht wüssten, zu wem wir gehören? Was sind wir, wenn wir nicht in Situationen der Ohnmacht und des Chaos handeln würden, wie wir handeln? Kampf? Oder Flucht? Wenn die Entscheidung fällt, sollten wir nach unserem Herzen handeln und nicht nach dem Verstand. Es gibt Menschen, die verändern dein Leben, und es gibt Menschen, die verändern dein Leben auf so gravierende Weise, dass es keinen Weg mehr zurück gibt und keinen vorwärts. Als er kam, war ich nicht vorbereitet. Es war wie eine Explosion. Chaos, Schmerz, Hilflosigkeit, Liebe, Glück, Freundschaft. Ich war nicht vorbereitet und doch war es das Beste, was mir je passieren konnte, und gleichzeitig das Schlimmste.
 
William
 
Ich fühlte den Schmerz des Stiches in meiner Brust erst aufsteigen, als es zu spät war, und ich wusste, jetzt war es vorbei. Keine Wunde würde mehr heilen, keine Qual mehr folgen. Es würde vorbei sein und über die Kälte der Nacht legte sich ihre Wärme wie eine sanfte Brise. Ich konnte ihren Einfluss spüren, ihre menschliche Wärme. Es war noch nicht vorbei. Ich würde leben.
 
 
Alles beginnt
 
Tharina
 
Feierabend. Es war ein langer Tag gewesen. Mich beschlich das Gefühl, er wollte einfach nicht zu Ende gehen.
Ich brauchte dringend Schlaf und eine Dusche. Die für meine Empfindung immer viel zu lange Dienstübergabe an den Nachtdienst würde ich ganz sicher nicht mehr miterleben. Zumindest nicht wach.
Schwester Christel hatte die anstrengende Angewohnheit jedes noch so kleine Detail über die Geschehnisse des Tages und das Befinden der Patienten in ausschweifenden Darlegungen auszuführen.
Das war nicht schlecht, keine Frage, so wusste die nächste dienst habende Schwester über alles ordentlich Bescheid.
Aber ich hatte einst gelernt, dass man die Details, die man dem nächsten Dienst übergibt, so präzise und kurz wie möglich halten sollte, denn für die Übergabe hat man nun mal nicht ewig Zeit. Zudem war der Aufenthaltsraum, in dem wir für gewöhnlich die Dienstübergabe vollzogen, alles andere als gemütlich. Ein Raum von ungefähr zehn Quadratmetern, vollgestellt mit einem riesigen Tisch, diversen Stühlen und einem kleinen Sideboard. Man musste sich jedes Mal, wenn es klingelte, an den übrigen Schwestern vorbei quetschen. Da ich meist diejenige war, welche sich den Klingeln während der Übergabe annahm, hasste ich das umso mehr. Wieso war ich so müde?
Während ich den Lappen, der von der Desinfektionsmittellösung getränkt war, ein weiteres Mal über die Spüle gleiten ließ, bis der gewünschte Glanzeffekt eintrat, ließ ich meinen Tag noch einmal Revue passieren. Es war kalt, als ich das Haus verlassen hatte. Meine Mitbewohner waren bereits zur Arbeit aufgebrochen und vor mir hatte der letzte von meinen insgesamt fünf Spätdiensten gelegen. Ich hatte so sehr auf einen ruhigen Dienst gehofft. Diese Hoffnung war jäh zerschlagen worden, als ich die Station betreten und das eifrige Treiben der Schwestern und Schüler gesehen hatte. Wir waren voll belegt. Ein Bett hatte auf dem Flur gestanden. Nein, dieser Dienst hatte von vornherein nicht ruhig werden können. Nachdem sich die Schwestern aus dem Frühdienst in den wohlverdienten Feierabend verabschiedet hatten, begann ich mit meinen gewohnten Aufgaben. Ich liebte es etwas zu tun zu haben, besonders wenn ich so routiniert war wie in den Spätdiensten, denn hier kannte ich den Ablauf. Die Kurven vorbereiten für die Schwestern, Kaffee austeilen, den Essenwagen sortieren, Blutentnahmen vorbereiten, Blut ins Labor bringen, die übliche Runde durch die Röntgenabteilung und die Sonographieabteilung, um die Befunde und Berichte abzuholen, Kaffeegeschirr einsammeln, Abendessen austeilen, zu den Klingeln gehen, Patientenversorgung, Überwachung der kürzlich operierten Patienten, die Abendrunde und zu guter Letzt das Putzen der Spüle und der benutzten Gerätschaften. Ja, ich liebte meinen Beruf. Ich hatte ihn ganz bewusst gewählt. Er passte zu mir und ich fühlte mich wirklich berufen. Sicher würde aus mir einmal eine wunderbare Krankenschwester werden, das wusste ich, wenn ich auch erst am Anfang meiner Ausbildung stand. Eine gute Schülerin war ich zumindest schon einmal. Es war kein besonders anstrengender Tag gewesen, zumindest nicht so anstrengend, wie ich es befürchtet hatte. Der ein oder andere Patient mit Extrawunsch, aber das war schon lange kein Problem mehr für mich. Zumindest keines, was sich nicht mit einem freundlichen Lächeln lösen ließ. Dennoch durchfuhr mich eine Müdigkeit, die es mir schwer machte, mich noch weiter anzustrengen. Ich freute mich auf meine freien Tage. Ich war gerade dabei, die Henkel der Steckbecken in gerade Position zu rücken. Die Patienten nannten sie immer Bettpfannen und so sahen sie ja auch aus, aber uns wurde nahe gelegt, sie richtig zu bezeichnen. Ich mochte es, wenn alles ordentlich erscheint, und die Henkel, an denen man sie anfasst, eben alle in dieselbe Richtung zeigten. Das war eine Marotte von mir, welche die Schwestern bereits ein wenig belächelten, die aber nicht weiter störte. Da hörte ich Schwester Christel rufen. Endlich. Ich hatte viele meiner Spätdienste mit ihr, da auch sie diese bevorzugte. Schwester Christel war eine der eher ruhigeren Krankenschwestern hier im Haus. Sie redete nicht all zuviel mit den Schülern, aber sie erklärte mir alles immer ganz genau. Das Schönste aber war, dass sie mich meistens ein wenig eher gehen ließ. „Bist du soweit fertig mit allem?“„Ja, habe gerade noch die Spüle geputzt und die Wäschesäcke ausgetauscht, alles fertig und schick.“ „Dann kannst du gehen, wenn du möchtest. Hast du jetzt nicht ein paar Tage frei?“
„Ja, drei insgesamt. Ich freu mich.“ „Dann einen schönen Abend noch und genieße deine freien Tage.“ „Danke. Ihnen auch einen schönen Feierabend und ruhige Dienste noch.“
Das Dienstende war doch noch gekommen und ich konnte es kaum erwarten zu duschen, in mein Auto zu steigen und die Musik aufzudrehen. Es dauerte nicht lange die Umkleide zu erreichen und ich brauchte nur knappe fünf Minuten, um mich umzuziehen. Das Duschen würde bis Zuhause warten müssen, so konnte ich danach wenigstens gleich ins Bett schlüpfen. Der Hinterausgang war um diese Uhrzeit bereits verschlossen und so musste ich den neben der Notaufnahme nehmen, um zum Parkplatz zu gelangen. Ich schrieb eine SMS an Steven während ich ging. Er war in meinem Kurs und seit Beginn der Ausbildung ein sehr guter Freund geworden. Wir hatten viel Kontakt auch außerhalb des Krankenhauses und trafen uns regelmäßig zum Feiern in meiner Stammdiskothek oder einfach nur um gemütlich einen Kaffee zu trinken und zu plaudern. Ich wollte wissen wie sein Arbeitstag so gelaufen war. Es diente eigentlich mehr dem Zeitvertreib, als das der Inhalt wirklich von Belang gewesen wäre, aber der Weg war so schon unheimlich genug, da kam mir das Licht des Handydisplays gerade recht. Ich habe noch nie verstanden, warum man einen Parkplatz mit Stadionbeleuchtung baut, aber die gruseligen 800 Meter Weg dorthin an Laternen einspart. Ehrlich, auf dem knirschenden Schotterweg unter mir sah man kaum etwas, da nur alle 15 bis 20 Meter eine Straßenleuchte stand und die waren meist nur schummrig beleuchtet. Auf dem Parkplatz, der knappe fünfzig Stellplätze bereit hielt, waren alle fünf Meter Laternen verteilt. Gut, davon funktionierte besonders am hinteren Ende nur jede zweite, aber es ging ums Prinzip. Er war hell erleuchtet, aber dieser blöde schummrige Weg ließ mich fast jedes Mal über irgendeinen Stein stolpern. Die Laternen an sich fand ich einfach nur entzückend. Sie waren wie aus einem anderen Zeitalter, irgendwie nostalgisch. Sie hatten eine klassische Form und jedes Mal, wenn ich sie ansah, überkam mich das Gefühl, dass gleich ein alter Nachtwächter mit einem langen Feuerstab kommen und sie anzünden würde. Bei dem Gedanken musste ich jedes Mal schmunzeln. Ich hatte gerade auf „senden“ gedrückt, als mich die Geräusche erreichten. Ich brauchte einen Moment, um zu erkennen, dass sie direkt aus der Richtung kamen, in die ich gerade unterwegs war. Es dauerte einige Sekunden, um sie einzuordnen, da sie so gar nicht zu der gewohnten Stille passten, die sonst an diesem Ort um diese Zeit herrschte. Da waren Stimmen. Ich hielt inne, um genauer hinzuhören, denn ich hatte ehrlich gesagt keine Lust auf irgendwelche Begegnungen auf dem Weg zu meinem Auto. Der Parkplatz war relativ gut beleuchtet, auf dem vorderen Teil waren alle Laternen an. Ich ging einen kleinen Umweg um die Büsche herum und folgte den Stimmen. Da war noch mehr. Ein Stöhnen? Dumpfe Schläge hallten über den Parkplatz. War da ein Keuchen? Ein erstickter Schrei?! Was war da los? Mein Puls stieg, mein Herz begann zu rasen. So etwas hatte ich um diese Uhrzeit hier noch nie erlebt. Ich verfiel in einen langsameren Schritt. Nur wenige Meter entfernt befand sich mein Auto. Es war bereits durch die Büsche zu erkennen. Es glänzte im Licht der Laterne, unter der ich es geparkt hatte. Da waren sie. Die Geräusche waren nun deutlicher zu vernehmen und formten sich zusammen mit den Bildern, die sich mir boten, zu einer Szene. Sie waren zu viert. Drei Männer, beleuchtet vom Schein des Laternenlichtes, agierten als Einheit. Ein vierter stand unmittelbar neben ihnen und beobachtete das Szenario. Er starrte auf den Boden, er starrte auf ihn! Die Bewegung, die von den Männern ausging, die Geräusche, die ich vernahm, es war ein Kampf! Ein ungleicher Kampf. Das war ein Angriff! Ich erkannte, wie sich die hilflose Gestalt am Boden unter den Tritten der Männer zusammenkrümmte. Sie war hilflos, machtlos, lag am Boden und stöhnte vor Schmerz. Mein Puls beschleunigte erneut, Adrenalin strömte durch meinen Körper und ich befürchtete, dass das Hämmern, das mir in die Ohren drang, weit bis über den Parkplatz zu hören sein musste. Aber niemand schenkte mir auch nur den Hauch einer Aufmerksamkeit. Was sollte ich tun? Konnte ich etwas tun? Ich musste etwas unternehmen! Oder sollte ich einfach umkehren? Zurück zum sicheren Krankenhaus? Dort würde ich Hilfe holen können. Ich selbst konnte doch unmöglich etwas gegen diese vier ausrichten. Aber die Person am Boden brauchte Hilfe. Sie brauchte meine Hilfe und sie brauchte sie jetzt! Es geschah in Sekunden, die Diskussion zwischen Herz und Verstand in meinem Kopf. Kampf oder Flucht. Es war vorbei, noch ehe es begonnen hatte, mein Herz hatte über den Verstand gesiegt. Ich begann meinen Weg fortzusetzen und lief geradewegs in die Arme dieser Schläger. Ich musste verrückt sein. Ja, eindeutig, ich war lebensmüde. Wie konnte ich nur denken, dass ich auch nur annähernd in der Lage war, diesen Männern die Stirn zu bieten? Ich würde die Nächste sein, die am Boden lag oder Schlimmeres und helfen würde es dem Opfer sehr wenig. Ja, ich war eindeutig geisteskrank. Ein tiefer Atemzug. Gleich war ich da. Sie würden mich ebenfalls angreifen. Noch ein paar Schritte. Ich war auf alles gefasst, als der Erste mich kommen sah. Es dauerte nur wenige Sekunden und alle vier sahen in meine Richtung. Ich senkte kurz den Blick und als ich wieder aufsah, hatten sie von ihrem Opfer abgelassen und verschwanden grölend in die Nacht. Ich blieb stehen. Waren sie wirklich vor mir davon gerannt? Vor mir? Ich brauchte eine Sekunde, um das eben Erlebte zu verarbeiten. Dann fiel mein Blick erneut auf die reglos am Boden liegende Person und ich ging auf sie zu. Da war Blut überall. Die Luft roch nach Regen und Spuren von Metall. Es war eindeutig ein Mann, aber weil er es von mir weg gedreht hatte, konnte ich sein Gesicht nicht sehen. Sein Oberkörper lag frei, obwohl es viel zu kalt war, und er trug keine Schuhe. Er musste frieren. Natürlich fror er! Es war schweinekalt. Er blutete und war reglos. Ich erstarrte kurz, doch dann ein Röcheln, ein Husten und kurz darauf eine Bewegung. Er war am Leben, Gott sei Dank! Ich beugte mich zu ihm nieder. „Hallo? Mein Name ist Tharina. Keine Angst, es ist alles ok, sie sind weg. Ich werde dir helfen. Kannst du mich hören?“ Es war ganz und gar nichts ok. Das hatte er sicher schon bemerkt. Aber mir fiel auf die Schnelle nichts Besseres ein. Ich legte die Hand auf seine Schulter, da war Blut überall. Dunkelrot glitzerte es im Laternenlicht…
 
William
 
Es war dunkel, schwarz vor meinen Augen und die Kälte und der Schmerz legten sich um meinen Körper wie eine Zwangsjacke. Ich hatte es ertragen. Ihre Schläge, ihre Tritte, ihren Zorn in der endlosen Bemühung es zu erwecken, es zu zeigen und zu beweisen, dass ich ein Monster war. Ich hatte es ertragen und widerstanden. Es war mir gelungen. Es zu verbergen, es zu zähmen. Doch nun konnte ich nicht mehr, ich wollte nicht mehr. Die Zeit war gekommen es zu beenden, mich der Dunkelheit zu ergeben. Es war soweit und ich war bereit. Ich wollte es sogar, damit es ein Ende hatte. Damit die Jäger gewinnen und das Monster in mir besiegt war, für immer. Da war er, der Schmerz, auf den ich wartete. Ein kurzer Stich, tief in meine Brust und das Feuer durchfuhr meinen Körper wie eine Welle. Das Silber brannte in meiner Brust, riss sie förmlich auseinander, dann war es so schnell vorüber, wie es gekommen war. Es verließ meinen Körper. Der Jäger hatte den Silberdolch, mit dem er mich töten wollte, herausgezogen, aber er hatte mein Herz nicht getroffen, es war noch nicht vorbei. Ich spürte, wie ich fiel, es zog mich hinab und ich wollte es zulassen. Wollte, dass es endlich ein Ende hatte. Ich spürte nichts bis auf den Asphalt unter mir und den Geschmack meines Blutes im Mund, schloss meine Augen und ließ meinen Kopf sinken. Es war fast vorbei. Ruhig erwartete ich ihre letzte Handlung, das Monster zu erlegen. Die Dunkelheit griff nach mir. Ich erwachte wieder und spürte eine Wärme auf mir, so stark, dass ich das Gefühl hatte zu brennen. Einen Moment nur erwärmte eine Hand meine Schulter und ihre Stimme erfüllte die Stille, welche sich um mich gelegt hatte, als das Blut sich seinen Weg aus meinem Körper suchte. Die Jäger waren verschwunden. "Kannst du mich hören?" Ihre Stimme war so lieblich, so zart. Sie passte fast nicht in die Brutalität, die mich eben noch umgeben hatte. "Ich helfe dir! Kannst du dich bewegen? Es ist alles gut, ich werde dir helfen. Sie sind weg, einfach weggerannt. Wie kann ich dir helfen? Bitte sag doch etwas!" Ich wollte sprechen, doch mein Mund füllte sich mit Blut. Ich spuckte es aus, um ihn frei zu bekommen, aber es lief sofort nach. Es dauerte einen Moment, bis ich sprechen konnte. Ich hörte ihren ruhigen Atem neben mir, kurze aber tiefe Atemzüge. Ein kurzes Zischen entfuhr ihr, als sie sah, wie sich der Asphalt unter mir rot färbte. Ich konnte ihr Entsetzen regelrecht spüren und dennoch hielt sie die Hand tapfer auf meiner Schulter. Und dann sah ich sie an. Ich sah in ihre Augen und mein Herz setzte aus. Ein paar Sekunden nur schien es zu stoppen, um dieses Gefühl zuzulassen. Es war einfach unbeschreiblich, als würde man nach einer langen Reise Zuhause ankommen. Ich sah sie an und sah den Sonnenschein in ihren Augen. Sie beugte sich sanft vor und an der Art, wie sich ihre Stirn, ganz kurz nur, in Falten legte, wusste ich, dass sie mich erkannte. Irgendwoher kannte sie mich. "Du. Sie sind Arzt bei uns richtig? Doktor, ähm, Lycans, richtig?"
"William." Mehr bekam ich gerade nicht heraus, aber ich wollte auf keinen Fall, dass sie mich siezte. Das wirkte so distanziert und Distanz war das Letzte, was ich gerade brauchte. "William, ok. Ich bin Schülerin bei euch. Tharina. Du blutest überall, siehst schlimm aus." Sie atmete tief durch. Ich spürte ihre Unsicherheit, aber ich konnte nicht einordnen, woran es lag. Ob nun an der Situation oder an mir. Ihr Duft lenkte mich ab. Ich versuchte mich zu konzentrieren, doch der Schmerz holte mich zurück. Aber da war diese Anziehung. Plötzlich wollte ich nichts mehr, außer Tharina in meiner Nähe. Nichts war mehr wichtig, nicht der Schmerz, nicht meine Wunden, nur sie. "In meinem Auto habe ich Verbandszeug, es steht gleich da vorn. Ich werde es kurz holen. Ich bin gleich wieder da! Alles gut." Natürlich, sie ist Schwesternschülerin, ihr Impuls ist es zu helfen und die Wunden zu versorgen aber NEIN! In meinem Kopf schrie es. Lass sie nicht gehen, sie muss bleiben, du brauchst sie! "Bitte. Nicht. Bleib, bitte bleib einfach." "Aber ich muss dir helfen und so kann ich das nicht. Oh, und du musst frieren. Mein Gott, was haben die dir nur angetan!" Sie zog ihren Mantel aus und legte ihn über mich. Er roch nach ihr. Ich spürte. Wie mein Herz stärker pochte. Alles in mir zog sich zusammen. Ich erschrak, denn es wollte hervorkommen. Wie war das möglich? Warum jetzt? Ich hatte die Jäger überstanden, es eingesperrt und nun wollte es sich ihr zeigen? Das durfte ich nicht zulassen, wollte sie nicht verlieren! Ich legte all meine Konzentration in mein Inneres, um es zu unterdrücken.
"Nein, ist schon ok. Dein Mantel wird ja ganz schmutzig. Tut mir leid." Ich fror und ihr Mantel um mich war angenehm aber ich wollte ihren Geruch nicht noch länger so nahe an mir. Wobei eigentlich wollte ich es schon, nur war das für die Situation gerade nicht hilfreich, denn es fiel mir so schon schwer genug es zu unterdrücken.
"Mh witzig, du liegst hier in deinem eigenen Blut und machst dir Sorgen um meinen Mantel, ehrlich jetzt?"
Sie wirkte fast amüsiert, aber ernsthafte Sorge und ein Anflug von Rührung schwang in ihrer Stimme mit. Sie stopfte den Mantel noch fester um mich und ich ließ es zu. Mein Blut schien zu kochen, meine Nackenhaare stellten sich auf, mein Puls raste und ich konnte immer schwerer atmen...
Es würde sich zeigen, ganz sicher, und dann wäre alles verloren. Ich würde mich zügeln können, lang genug, um sie fort zu lassen. Aber sie würde nicht wieder kommen. Der Gedanke zerriss mich förmlich. Warum nur machte sie mich so nervös, so anders? Meine Brust schmerzte, mein Atem wurde immer schneller und ich konnte es nicht mehr aufhalten! Ich wollte etwas sagen, sie warnen, aber ich konnte nicht sprechen. Wie konnte es mir das nur antun? Wie konnte es sie gefährden? Sie hatte ihr Leben riskiert meinetwegen! Einem Fremden. Und nun war ich die wirkliche Gefahr! In diesem Moment hasste ich mich mehr als je zuvor. Da legte sie ihre Hand auf meine Schulter und die andere in meine Hand, sah mir tief in die Augen und sagte: "William, atme ruhig. Ich will, dass du ruhig und gleichmäßig atmest, beruhige dich, alles wird gut. Sieh mich an. Alles wird gut! Du sollst nicht sterben, hörst du." Das war wie ein Befehl für mich - und meinen Körper. Mein Puls sank, meine Atmung wurde ruhiger, mein Blut wechselte von einem Brodeln in einen sanften Fluss zurück. Ich drückte ihre Hand, unfähig zu sprechen. Wir sahen uns in die Augen und für ein paar Sekunden vergaß ich den Schmerz. Sie war es die, mich wieder daran erinnerte, denn plötzlich ließ sie meine Hand und Schulter los und presste ihre Hände fest auf meine Brust. An ihrem Mantel entstand ein dunkler Fleck an der Stelle, wo nun ihre Hände lagen. Mein starkes Inneres hatte mich lange Zeit aufrecht gehalten, hatte mich geschützt. Doch nun spürte ich, dass mein menschliches Selbst die Oberhand gewann. Die Verletzungen waren sehr stark, das Silber hatte mich geschwächt, ich wurde müde. "William, du blutest stark. ich kann es nicht länger stillen. Kommst du an mein Handy? Es ist in meiner rechten Manteltasche." Ich griff danach und hielt es ihr hin, so hoch es meine Kraft zuließ. "Kannst du wählen?" Ich nickte und ließ sie nicht eine Sekunde aus den Augen. Das alles war so unwirklich, sie war so unwirklich. Als wäre sie nur ein Traum, einzig dazu geschaffen mich sanft zu begleiten, bis das Ende kam. "Kennst du die Nummer der Notaufnahme?" Ich nickte erneut und versuchte mit meinen blutverschmierten Fingern die Ziffern zu drücken. Die Zahlen verschwammen vor meinen Augen und dann hielt ich inne, denn ich begriff. "William? Alles ok?" Ich sah sie an und für einen kurzen Moment wusste ich, wie ich sie schützen konnte. Ich ließ das Handy sinken und legte es neben mich. Noch bevor sie fragen konnte, hob ich meine Hände, es schmerzte mich, und legte sie auf ihre. Sie sah mich verwirrt an. Sanft drückte ich ihre Hände zur Seite, versuchte es zumindest aber sie war in diesem Moment viel stärker als ich. "Was soll das, William? Was tust du? Ich kann nicht los lassen, ich muss die Blutung stillen bis Hilfe kommt!“ "Ist ok, es ist schon in Ordnung!" Ich versuchte zu lächeln, um den Schmerz und die Anstrengung in meiner Stimme zu unterdrücken und ihr Mut zu machen. "Was? Bist du bescheuert?! Du glaubst doch wohl nicht allen Ernstes, dass ich mein Leben riskiere und auf eine Horde wild gewordener Schläger zugehe, um dir zu helfen, nur um dich dann jetzt mal eben verbluten zu lassen?! Du spinnst wohl!" Und ich sah eine Mischung aus Wut und Besorgnis, aber auch eine Kraft in ihrem Gesicht, die ich nicht bekämpfen konnte oder wollte. Plötzlich tat mir meine Entscheidung Leid. "Du hörst mir jetzt ganz genau zu, William Lycans!" Die Art wie sie meinen Namen aussprach, verpasste mir eine sanfte Gänsehaut. " Ich weiß, es tut weh, zumindest sieht es sehr schmerzhaft aus, und ich weiß, du denkst du hast keine Kraft mehr. Aber die hast du! Reiß dich jetzt zusammen und wähle die Nummer der Notaufnahme, damit ich mit denen reden kann und die wissen, wo wir sind und uns helfen können. Hier stirbt heute niemand, verstanden! Ansonsten bin ich verdammt sauer auf dich und glaub mir, du willst nicht derjenige sein, der mir meine wohlverdienten freien Tage versaut. Denn wenn's sein muss, komm ich persönlich dahin, wohin auch immer du entschwindest und trete dir in den Arsch!" Diesen Vortrag hatte ich gebraucht. Es war mir zu unangenehm, sie direkt anzusehen aber aus den Augenwinkeln erkannte ich im Licht, welches von der Laterne direkt auf sie schien, eine leichte Röte von ihren Wangen aufsteigen. Scheinbar war das sonst nicht die Art, wie sie sprach. Ich wählte die Nummer erneut und reichte ihr erschöpft das Handy. "Danke." Diesmal hatte ihre Stimme wieder diesen sanften Klang wie zu Beginn unserer Begegnung. Sie klemmte sich das Handy zwischen Ohr und Schulter und legte ihre Hände wieder fest auf die Wunde. "Hallo? Ja, hier spricht Tharina Kaucs. Ich befinde mich auf dem Parkplatz hinter der Aufnahme und hier ist ein Verletzter. Ja, er blutet stark. Ein Mann, ein Doktor aus unserem Haus. Er wurde überfallen und ist schwer verletzt. Er blutet stark, ich stille gerade die stärkste Blutung mit meinen Händen. Ich brauche dringend Unterstützung! Schicken sie jemanden, am besten zwei mit einer Trage. Ja, ich bleibe dran. Alles klar, bis gleich. Bitte schnell!“ Dann legte sie das Handy neben sich. Ich spürte, wie mir schwarz vor den Augen wurde und die Schwäche in mir empor stieg. Plötzlich konnte ich sie nicht mehr sehen...
 
 
 
 
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